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Sozialberatung des Allgemeinen Behindertenverbandes zieht eine erste Bilanz

„In neun Monaten seit ihrem Bestehen wurden rund 170 Anliegen beantwortet!“

Seit Anfang 2022 bietet der Allgemeine Behindertenverband in Deutschland eine kostenlose Sozialberatung per Mail an und blickt nun auf die ersten Monate dieser ehrenamtlichen Dienstleistung zurück. Nach Angaben des verantwortlichen Beraters Dennis Riehle haben sich bislang 172 Personen bei ihm gemeldet und um Hilfestellung gebeten. Dabei ist der Blumenstrauß an Themen, mit denen sich die Menschen an die ABiD-Sozialberatung wenden, breit gefächert: „Es reicht klassischerweise von Fragen zur Anerkennung einer Schwerbehinderteneigenschaft, über Anliegen zur Eingliederungshilfe, Möglichkeiten auf Inanspruchnahme einer Rehabilitation oder Erwerbsminderungsrente, Ansprüche auf Nachteilsausgleiche im schulischen oder beruflichen Umfeld, Fragen zu Barrierefreiheit und hürdenlosem Bauen, Wünsche nach Verbesserung der Inklusion, Anliegen zu Sozialhilfe und Leistungen der Krankenversicherung, Arbeitsrechten in Werkstätten für behinderte Menschen, Beschwerdemöglichkeiten in Heimen und Psychiatrien, Erkundigungen zu Hilfsmitteln bis hin zu psychologischer und seelsorgerlicher Begleitung zur Bewältigung des Alltags“, erläutert Riehle die Statistik.

Nicht in allen Fällen könne er weiterhelfen, sagt der Sozialberater: „Wir bieten keine individuelle Rechtsberatung an, sondern können nur die allgemeine Sozialgesetzgebung erklären und Paragrafen wiedergeben. Auch sind uns die Hände gebunden, wenn gegenüber Behörden und Ämtern Unzufriedenheit besteht. Zwar nehmen wie viele verzweifelte Schicksale wahr und binden diese anonymisiert auch in unsere Öffentlichkeitsarbeit ein, um politischen Druck zu erzeugen. Ein konkretes Mandat, bei öffentlichen Stellen in einem Einzelfall zu intervenieren, haben wir selbstverständlich nicht. Gleichsam sind wir eine durchtragende Hilfe im Sinne einer ersten Orientierung und Unterstützung, die den Menschen Informationen gibt, aufklärt, sensibilisiert, ihnen Tipps und Ratschläge schenkt, weitervermittelt und nicht zuletzt ermutigt, auch in schwierigen Lebenslagen nicht zu verzagen“, erklärt der 37-Jährige Konstanzer, der als Psychologischer, Sozial-, Senioren-, Familien- und Integrationsberater ausgebildet, in Rechtsfragen weitergebildet wurde und daneben auch in Gesundheitsförderung und Grundlagenmedizin zertifiziert ist. Er selbst ist durch multiple Erkrankungen selbst seit vielen Jahren schwerbehindert und war über 13 Jahre in eigener Praxis als selbstständiger Berater und als gelernter Journalist tätig.

Insgesamt habe die Frequenz der eingehenden Beratungsanfragen in den letzten Wochen massiv zugenommen: „Seitdem der Krieg mit seinen Folgen durchschlägt, nicht zuletzt bei den Preisen, erreichen uns viele Hilferufe. Gerade behinderte Menschen sind oft besonders bedürftig, weil sie auf Sozialhilfe angewiesen sind und nicht mehr im Arbeitsleben stehen. Sie profitieren von vielen der Entlastungsleistungen der Regierung bislang kaum und stehen stattdessen vor wachsenden Kostenbergen. Oftmals fehlt dann auch das Wissen darüber, dass beispielsweise die Strompreise für einen E-Roller oder den elektrischen Badewannenstuhl gegebenenfalls von der Pflegekasse getragen werden. Oder aber es besteht eine seit langem nicht auf Aktualität überprüfte Schwerbehinderung, weshalb eigentlich zustehende Vorteile nicht genutzt werden. Immer wieder fehlt es auch an Kenntnis, welcher der zahlreichen in Deutschland in Frage kommenden Sozialversicherungsträger für die jeweils individuelle Situation zuständig ist. Da fühle ich mich wie ein Ranger im Urwald, der erst einmal den Dschungel der Paragrafen sortieren und lüften muss“, erklärt Dennis Riehle scherhaft und ergänzt abschließend: „Einerseits macht mir dieses freiwillige Engagement sehr viel Freude und ich versuche, jedem nach Möglichkeit mit Rat und Beistand da zu sein. Doch wenn ich sehe, wie viel Leid, Not und Elend in einer westlich aufgeklärten Zivilisation zugelassen und letztendlich nicht ernst genommen wird, dann berührt und ärgert mich das. Und da ist es gut, wenn ich proaktiv helfen kann.“